Top
Test MV Agusta F4 1000 S
Einstellungssache
(04.Juni
2004)

Das Design ist von der 750er
bekannt. Nur die kleinen Ziffern an Spiegeln
und Heck verraten das neue, stärkere Triebwerk, das in der MV F4
1000 S steckt. Im Top-Test suchten und fanden wir die richtige Einstellung
zur und für die MV.
Von Guido Stüsser
Aus MOTORRAD 13/2004 Seite
32 . . .
Und, ist sie gut?«
Die wohl meistgestellte Frage der interessierten Hobby-Racer beim Speer-Training
in LAnneau du Rhin. Mit neugierigen Blicken und glän-
zenden Augen mustern sie die 1000er-MV, mit der wir auf der elsässischen
Renn-
strecke aufkreuzten.
Ob sie gut ist, können
wir jedoch noch nicht beantworten, denn seit über einer Stunde
beschäftigt uns die Suche nach der passenden Fahrwerksabstimmung.
Fest steht bis jetzt nur: Draufsetzen und losfahren, wie man es von
den meisten japanischen Motorrädern kennt, funktioniert bei der
MV nicht.
Äußerst sensibel reagiert sie auf Änderungen an den
vielfältigen Einstellmöglichkeiten.
Nun muss das nicht zwingend von Nachteil sein. Erst recht nicht, wenn
es um so feine und attraktiv verpackte Technik geht, an die gerne mal
Hand angelegt wird. Beispielsweise um die »persönliche«
Sitzposition auszutüfteln dank einstellbarer Hand- und Fußhebel
sowie mittels Exzenter justierbarer Rastenanlage kein Problem.
Kompliziert und zeitraubend
hingegen wirds, wie wir inzwischen wissen, bei den hochwertigen
Federelementen. Gilt ein voll einstellbares Fahrwerk in Sportlerkreisen
mittlerweile als Standard, setzt die MV noch einige Features obendrauf.
Unter anderem ist die Druckstufeneinstellung des Sachs-Federbeins in
einen High- und Low-Speed-Bereich unterteilt. Zudem lässt sich
der Schwingendrehpunkt durch austauschbare Einsätze in der Höhe
verändern, während das Heck über eine Schubstange hochgeschraubt
werden kann. Hier sind Durchblick und Hingabe gefragt.
Trial and error. Denn so lange das Set-up nicht zum Geläuf passt,
benimmt sich die Italienerin wie ein bockiges Pferd.
So vergehen in LAnneau
du Rhin unverhältnismäßig viele Runden, da die Fahrwerkseinstellung
aus dem Top-Test-Parcours hier nicht harmoniert. Für den Pylonen-Tanz
setzten wir auf Handlichkeit mit höhergelegtem Heck. Das Federbein
funktionierte mit wenig Druckstufendämpfung gut, die Gabel musste
jedoch sehr straff abgestimmt werden, um unliebsame Nickbewegungen bei
den schnellen Schräglagenwechseln auszugleichen.
Trotzdem blieb die 1000er weit hinter den Top-Slalomzeiten der handlicheren
750er-MV zurück.
Das Gewicht liefert keine Erklärung. Im Gegenteil, denn der große
1000er-Vierzylinder wiegt dank leichterer Kurbelwelle und hohlgebohrten
Getriebewellen sogar 2,7 Kilogramm weniger als der 250 Kubikzentimeter
kleinere Motor. Bleibt anzunehmen, dass die größeren rotierenden
Massen, der 70er-Vorderreifen (die 750er trägt vorne einen 65er-Querschnitt)
und der um ein halbes Grad flachere Lenkkopf für das behäbigere
Handling verantwortlich zeichnen. Im schnellen MOTORRAD-Slalom ergatterte
die MV Agusta lediglich einen Platz im Mittelfeld der 1000er-Klasse.
Im langsamen Slalom konnte sie allerdings ihre hohe Lenkpräzision
und Kurvenstabilität in Form sehr hoher Kurvengeschwindigkeiten
ausspielen.
Stabil blieb die F4 1000 S auch bei der berüchtigten Top-Test-Bremsmessung.
Zwar verlangt die sehr gut zu dosierende Sechskolben-Nissin-Anlage mit
310er-Scheiben nach einer starken Hand, besticht aber mit ausgezeichneter
Verzögerung. Es ginge allerdings noch besser, zwänge das aufsteigende
Hinterrad nicht immer wieder, die Bremse zu lösen, um einen Überschlag
zu vermeiden.
Doch zurück auf die Rennstrecke, wo die Sache mit dem hochgestellten
Heck aus dem Pylonen-Parcours nicht funktioniert, weil es an Grip am
Hinterrad fehlt und man beim Bremsen alle Hände voll zu tun hat,
das auskeilende Heck auf Kurs zu halten.
Handlichkeit hin oder her:
Der Spaß an der MV kommt in LAnneau erst, nachdem das Heck
tiefer gelegt, sprich die Schubstange bis auf eine Umdrehung verkürzt
und die Druckstufe des Federbeins sowohl für den High- als auch
für den Low-Speed-Bereich bis auf zehn Klicks geschlossen ist.
Eine ziemlich fummelige Angelegenheit, da der Einstellmechanismus schwer
zugänglich ist. Wer die Zugstufe des Federbeins verändern
will, sollte Handschuhe tragen, zumindest wenn der Auspuff noch glühend
heiß ist, sonst sind Brandblasen programmiert.
Hat man endlich alle Rädchen in die richtige Richtung gedreht,
wird die MV zum echten Renntier, und die anfangs düsteren Mienen
der Tester weichen einem genüsslichen Lächeln. »Ja,
sie ist gut wenn die Einstellung stimmt!«
Und jetzt: endlich Vollgas! Geräuschmäßig keine große
Sache. Durch die vier Endrohre entfleucht ein eher laues Lüftchen,
das nur ansatzweise erahnen lässt, wie viel Power in den vier Zylindern
steckt. Auch das Ansauggeräusch hält sich vornehm zurück,
so dass die MV subjektiv einen vornehm gesagt »unspektakulären
Eindruck« hinterlässt. Erst ein Vergleich auf der Rennstrecke
macht deutlich, wie mächtig die Italienerin marschiert. Will man
ihr beispielsweise auf einer Yamaha YZF-R1 folgen, bedeutet das, ständig
einen Gang tiefer zu fahren, um die R1 oberhalb von 9000 Umdrehungen
zu halten. Selbst dann jedoch gelingt es einem nicht ganz, im Abgasstrahl
der schönen Italie-
nerin zu bleiben.
Letzte Zweifel an der fulminanten Power der subjektiv so dezenten MV
beseitigt der Prüfstand. Mit 165 PS an der Kupplung erfüllt
sie alle Erwartungen, und auch die füllige Drehmomentkurve mit
einer Spitze von 108 Newtonmeter bei 9900 Umdrehungen kann sich sehen
lassen. Besonders beeindruckend absolviert die 1000er die Durchzugsmessung
zwischen 60 und 100 km/h: 3,4 Sekunden.
Damit ist die vollgetankt 217 Kilogramm schwere Schönheit sogar
zwei Zehntel schneller als die bärenstarke Kawasaki ZX-10R.
Leider lässt sich die MV-Power auf der Strecke nicht so harmonisch
und einfach umsetzen, wie die fast linear ansteigende Leistungskurve
vermuten lässt.
Verantwortlich dafür ist einerseits die Übersetzung des Gasgriffs,
denn schon bei der kleinsten Bewegung am rechten Lenkerende gehen die
Drosselklappen so weit auf, dass es im Scheitelpunkt einer Kurve schwierig
ist, den immensen zur Verfügung stehenden Druck zu dosieren. Andererseits
sorgt die leichte Verzögerung, mit der die Einspritzanlage auf
die Befehle der Drosselklappen reagiert, für einen zusätzlichen
Adrenalinschub. Auch wenn sie noch so schnell ist: In Sachen Fahrbarkeit
kann
die MV einer Yamaha R1 nicht das Wasser reichen. Obwohl sich der mächtige
Schub, wenn er denn einmal am Hinterrad anliegt, fein dosieren lässt.
Trotz des tiefliegenden Hecks, das für ein Maximum an Grip sorgen
soll, malt die MV am Kurvenausgang schwarze Striche auf den Asphalt.
Übrigens: Das durch die Absenkung erwartete, etwas behäbigere
Handling der Maschine lässt sich aufgrund der hohen Stabilität
und Lenkpräzision sowie des feinen Ansprechverhaltens der Federelemente
verschmerzen.
Absolut schmerzfrei sollte sein, wer mit der Rennstreckenabstimmung
auf die Landstraße geht. Während das bei der R1 oder einer
Honda Fireblade problemlos funktioniert, gibt die MV unbarmherzig auch
kleinste Fahrbahnunebenheiten an den Allerwertesten weiter. Bei größeren
Unebenheiten im Asphalt scheint die F4 zu kapitulieren, jegliche Federung
und Dämpfung einzustellen. Mit erheblich weicherer Druckstufe an
Gabel und Federbein wirds erträglich, aber noch lange nicht
komfor-
tabel, denn dafür ist die Grundabstimmung der Federelemente einfach
zu straff.
Hart, aber herzlich, lautet die Devise der MV auf der Landstraße
durchweg.
Längere Touren werden aufgrund der sehr sportlichen Sitzposition,
mit viel Druck
auf den Handgelenken und spitzem Kniewinkel, zur Tortour.
Versöhnlich stimmen
das vorbildlich zu schaltende Getriebe und die gesitteten Trinkmanieren.
Bei beschaulicher Landstraßenfahrt begnügt sich der Vierzylinder
im Schnitt mit 5,9 Litern Super bleifrei. Echter Spaß kommt allerdings
erst bei unwirtschaftlicherer, engagierter Fahrweise auf, bevorzugt
auf glattem, weitläufigem Terrain, wo das harte Fahrwerk und die
supersportliche Sitzposition ihre Vorteile ausspielen und für akkurate
Kurvendarbietungen sorgen. Je enger die Radien jedoch werden, desto
schwerer fällt es dem Fahrer, die 1000er von der einen in die andere
Schräglage zu bringen.
Absolut fehl am Platz, obwohl das Flaniergerät par excellence,
ist die MV in der Stadt. Ein riesiger Wendekreis, bei dem man sich mit
voll eingeschlagenem Len-
ker auch noch empfindlich den Daumen quetscht, und die eingebaute Heizung
in Form der unter der Sitzbank verlaufenden Auspuffanlage machen sie
im City-Leben echt unsympathisch. Noch schlimmer wird es an sonnigen
Sommertagen, wenn es dem Vierzylinder ebenfalls zu warm wird und der
Lüfter die heiße Luft genau gegen die Oberschenkel und den
Unterkörper bläst. Die MV ist und bleibt halt eine heißblütige,
temperamentvolle Italienerin.
© Copyright: Motor-Presse Verlag
GmbH & Co KG, Stuttgart